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Vollständige Version anzeigen : Grundlagen und Erweiterung der Aquarienchemie


gummibaer
30.07.2005, 01:20
Hi

Ich hab mich entschlossen, einen Threat zu eröffnen, in dem ich die meisten wichtigen Wasserwerte im Aquarium erklären will. Vielleicht ist das ein kleine Hilfe für alle, die wöchentlich ihre Wasserwerte testen, aber nicht wissen warum :D

Vorweg möchte ich anmerken, dass ich kein Fischexperte bin. Ich werd also nur sehr spärlich Stellung dazu nehmen ob und warum bestimmte Werte für Fische schädlich sind oder nicht.

Außerdem wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass man nicht alle Zusamenhänge verstehen muss um erfolgreich Aquaristik zu betreiben. Das ist natürlich richtig. Dieser Threat ist also für Aquarianer (und solche die es werden wollen) gedacht, die sich für die Zusamnnehänge der Chemie im Aquarienwasser interessieren. Also wissenswert, aber keinesfalls notwendig. :D

Ich bitte darum, zu ergänzen was ich vergessen hab und zu berichtigen, wenn sich Fehler eingeschlichen haben.

Zum Begriff "Wasser"

Das was wir allgemein Wasser nennen, wird strenggenommen in der Chemie als "wässrige Lösung" bezeichnet. Denn die meisten von uns werden wohl nie reines Wasser zu Gesicht bekommen. Selbst in destiliertem Wasser sind verschiedene Gase gelöst. Denn sofort nach der Destilierung lösen sie sich darin. Aber weil es einfacher ist, nennen wir es Wasser und ich werd es auch in diesem Threat tun.

Zum Begriff "Ionen"

Ionen sind geladene Teilchen (positiv oder negativ) die im Wasser gelöst sind. In den meisten Fällen sind das gelöste Salze. Nur als Beispiel:
Löst man Speisesalz (NaCl) im Wasser, dann liegen im Wasser Na+ und Cl- Ionen vor. Die Ladungen schreibt man immer mit, um klarzustellen, dass es sich um Ionen handelt.
Na = Natrium (Metall)
Cl = Chlor (giftiges Gas)
Na+ = Natrium Ion
Cl- = Chlorid Ion (beide Ionen sind ungiftig!!!)
NaCl = Natriumchlorid (Speisesalz)
Wenn ich NaCl in Wasser löse ist weder Natrium, noch Chlor im Wasser. Strenggenommen auch kein Salz (NaCl) sondern "nur" die beiden Ionen.
Im Leitungswasser und im Aquarienwasser liegen sehr viele verschieden Ionen vor, manche werden hier im Threat noch vorgestellt. Wasser selbst hat keine elektrische Ladung. Und die Ionenladungen gleichen sich immer aus, sodass die gesamte Lösung auch keine Ladung hat.
Ionen sind für den pH-Wert, die GH, die KH und viele andere Faktoren im Wasser verantwortlich. Außerdem dafür, dass Wasser Strom leitet. Wenn es keine Ionen gäbe, könnten wir in der gefüllten Badewanne föhnen :D

Autoprotolyse des Wassers

Stellen wir uns aber einmal vor wir haben "reines Wasser" also keine Gase oder Ionen sind darin gelöst. Selbst dann könnte das Wasser eine sehr geringe Menge Strom leiten. Warum????
Ein (sehr geringer) Teil des Wassers reagiert miteinander. Und zwar in der Form, dass ein Proton (H+) von einem Wassermolekül auf ein anderes übergeht.
H2O + H2O ---> H3O+ + OH-
Das Wasser bildet also selbst Ionen (wenn auch nur sehr wenige).

pH-Wert

Eben diese Ionen (H3O+ und OH-) sind verantwortlich für den pH-Wert. Sind von beiden gleich viel vorhanden ist das Wasser neutral (pH 7), liegen mehr H3O+ Ionen vor ist es sauer (pH<7), liegen mehr OH- Ionen vor, ist das Wasser basisch (pH>7). Bei gleicher Temperatur (Standart 25 Grad) ist das Produkt der Anzahl der beiden Ionen immer gleich.
Also:
(Anzahl der OH- Ionen) * (Anzahl der H3O+ Ionen) = konstant
Und zwar unabhängig vom pH-Wert.
In der Chemie spricht man aber nicht von "Anzahl der Ionen", sondern von der Konzentration.
Also:
(Konzentration der OH- Ionen) * (Konzentration der H3O+ Ionen) = konstant
oder:
c(OH-)*c(H3O+)=konstant (c=Konzentration)
Dieser konstante Wert ist 10 hoch -14 mol²/l² (also 0,00000000000001 mol²/l²)
Wichtig ist, dass sich diese Produkt nicht ändert. Wenn sich also durch Zugabe einer Säure die Konzentration der H3O+ Ionen verdoppelt, halbiert sich die Konzentration der OH- Ionen.
Wie die meisten Aquarianer wissen, ist die pH-Skala logarithmisch. Das heißt mit jeder Einheit verändert sich der H3O+ und OH- Anteil um das 10-fache. Bei einer Änderung von pH 7 auf pH 8 verzehnfachen sich die OH- Ionen, von den H3O+ Ionen liegt nur noch ein Zehntel vor. Umgekehrt bei einer Veränderung von pH 7 auf pH 6.
Man kann also die Konzentration der H3O+ Ionen leicht am pH-Wert ablesen. Ist der pH-Wert 7 (neutral) ist die Konzentration 10 hoch -7; bei pH6 10 hoch -6 ...
der pH-Wert ist also der negative Logarithmus von c(H3O+).

Im Aquarienwasser wird der pH-Wert hauptsächlich von der gelösten Kohlensäre (H2CO3) und des im Wasser gelösten Hydrogenkarbonats (HCO3-) bestimmt.
Gelöstes CO2 reagiert mit Wasser zu Kohlensäure:
H2O + CO2 ---> H2CO3
Die Kohlernsäure reagiert weiter mit Wasser
H2CO3 + H2O ----> H3O+ + HCO3- Es bildet sich also ein Hydrogenkarbonat Ion
Hydrogenkarbonat Ionen reagieren in umgekehrter Reihenfolge mit Wasser:
HCO3- + H2O ----> H2CO3 + OH-
Kohlensäure wirkt also sauer (weil sich H3O+ bildet), Hydrogenkarbonat basisch, (weil sich OH- bildet).
Die H3O+ und OH- Ionen reagieren dann miteinander bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist.
H3O+ + OH- ---> H2O + H2O
Das ganze findet kein Ende, weil ja immer wieder Stoffe entstehen, die miteinander reagieren, weil aber irgendwann alle Reaktionen gleich schnell stattfinden, ist dann ein Gleichgewicht hergestellt und der pH-Wert ist konstant.
Wie er dann genau ausfällt kann man in Tabellen nachlesen. Z.B. bei dennerle.de, dann auf "Wasser" klicken (oben) und dann auf "CO2 Tabellen" (links).
Neben der Kohlensäure und den Hydrogenkarbonat Ionen können noch andere Stoffe den pH-Wert beeinflussen z.B. schwache Säuren, die über Torffilterung ins Wasser gelangen. Darauf will ich jedoch nicht näher eingehen.

Gesamthärte GH

Wie wir jetzt wissen sind Salze im Wasser gelöst und liegen dort als Ionen vor. Jedes Salz besteht aus einem oder mehreren positiv geladenen Ionen, und einem oder mehreren negativ geladenen Ionen. Die Ladungen gleichen sich immer aus. Bis auf wenige Ausnahmen sind die positiv geladenen Ionen Metallionen. Die Metallionen der zweiten Hauptgruppe bezeichnet man als Härtebildner. Relevant dafür sind jedoch nur Magnesium Ionen und Calcium Ionen (Mg2+ und Ca2+), weil die anderen (Strontium und Barium Ionen) im Wasser nicht oder nur in Spuren gelöst sind. Je mehr Magnesium und Calcium Ionen im Wasser vorliegen, desto "härter" ist es.

gummibaer
30.07.2005, 01:31
Karbonathärte KH

Die Karbonathärte ist der Grund, warum ich mich entschlossen habe diesen Threat zu eröffnen, weil es hier oft zu Missverständnisen kommt.
Vorweg: Der Begriff Karbonathärte ist streggenommen falsch. Weil er aber weit verbreitet ist, spricht - aus meiner Sicht - nichts dagegen mit ihm zu arbeiten. Genauer müsste es SBV (Säurebindungsvermögen) oder einfach Konzentration der Hydrogenkarbonat Ionen heißen. Das was wir mit dem KH-Test messen hat nichts mit der Gesamthärte zu tun. Es ist kein Teil der Gesamthärte. Wir messen einfach die Konzentration der Hydrogenkarbonat Ionen, die ja negativ geladen sind. Die Karbonationen lass ich mal weg, weil da auch nur geringe Konzentrationen im Wasser vorliegen.

Also GH=c(Mg(2+) und Ca(2+)); KH=c(HCO3-)
Die KH kann nach dieser Definition durchaus größer sein, als die GH.
komplizierter will ich es nicht machen, wer einen Threat darüber lesen will:
http://www.aquarienforum.de/forum/showthread.php?t=27134&highlight=threat

Änderung der Werte pH, KH, GH

1. Senkung der GH und KH

Im Handel werden Mittel zur Senkung der GH und KH angeboten. Auf den meisten steht jedoch nicht, wie sie wirken. Ich stehe solchen Mitteln deshalb skeptisch gegenüber. Die KH-Senker enthalten wahrscheinlich eine Säure, z. B. Phosphorsäure H3PO4:
Die Säure reagiert mit Wasser:
H3PO4 + H2O ---> H2PO4- + H3O+
Der Protonenübergang kann noch 2mal stattfinden:
H2PO4- + H2O ---> HPO4(2-) + H3O+
HPO4(2-) + H2O ---> PO4(3-) + H3O+
Es können also drei H3O+ Ionen entstehen, die mit dem Natriumhydrogenkarbonat in der schon oben genannten Weise reagieren:
H3O+ + HCO3- ---> H2O + H2CO3
H2CO3 ---> H2O + CO2
Es entsteht also auch etwas freies CO2, dass die Pflanzen als Dünger aufnehmen können.
Dagegen spricht, dass Phosphat PO4(3-) entsteht, dass zum Algenwachstum beiträgt.
Wie die Mittel zur Senkung der GH funktionieren, hab ich keine Ahnung.

Der für mich naheliegendste Ansatz die GH und KH zu senken ist jedoch, das Wasser mit ionenarmen Wasser zu mischen. Je nach Wohnort, finanzieller Lage... kann das sein:
Regenwasser (kostenlos), Wasser aus Quellen (ist meisten, jedoch nicht immer weich; kostenlos), destiliertes Wasser (teuer, 1,50-2€ für 5l) oder Leitungswasser, das mittels Umkehrosmose oder Ionenaustauscher aufbereitet wurde.
Wer keine Quelle in der Nähe hat und befürchten muss, dass sein Regenwasser verunreinigt ist (Industriegrbiet, Innenstadt) ist wahrscheinlich mit einer Osmoseanlage am besten bedient. Destiliertes Wasser kommt nur in Frage, wenn man ein sehr kleines Becken hat, weil die Kosten halt recht hoch sind. Zur Funktionsweise von Osmoseanlagen steht ne Menge hier im Forum, einfach mal suchen.
Das Osmose-/Regen-/Quelwasser mischt man dann mit dem Leitungswasser, bis es die richtige Härte hat.

2. Anheben des GH/KH -Wertes

Um beide Werte zu erhöhen kann man Kalkhaltige Steine ins Wasser geben. Kalk CaCO3 reagiert mit Kohlensäure zu Caciumhydrogenkarbonat Ca(HCO3)2.
CaCO3 + H2CO3 ---> Ca(HCO3)2
Das Calciumhydrogenkarbonat geht in Lösung, es entstehen Calciumionen (Erhöhung des GH-Wertes) und Hydrogenkarbonationen (Erhöhung des KH-Wertes).
Ca(HCO3)2 ---> Ca(2+) + 2HCO3-
Dabei ist es sinvoll, (sofern man eine CO2-Anlage hat) die CO2 Zufuhr leicht zu erhöhen. Außerdem ist zu beachten, dass die Reaktionen sehr langsam ablaufen. Das ganze muss also über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden. Regelmäßige Kontrollen sind Notwendig um zu erkennen, wann der gewünschte Wert erreicht ist. Der Kalk muss dann entfernt werden.

Will man nur die GH erhöhen gibt man Calciumsulfat (CaSO4) oder Calciumchlorid (CaCl2) ins Wasser. Sinnvoll ist das Salz erst in Wasser zu lösen und das dann ins Aquarium zu geben, nicht das Salz direkt ins AQ.

Will man nur die KH erhöhen gibt man NaHCO3 dazu. Auch hier ist eine erhöhung der CO2 Zugabe sinnvoll, wenn man nicht will, dass der pH-Wert steigt.

Wieviel jeweils hab ich nicht im Kopf, wenn jemand das braucht schriebt einfach einen Post, dann kann ich mich mal hinsetzen und das ausrechnen, oder ich schau mal ob das irgendwo steht. Ansonsten: Immer erst in einem Eimer ausprobieren!!!

3. Änderung des pH-Wertes

Am einfachsten ist es natürlich den pH Wert durch dazukippen von Salzsäure (senken) oder Natronlauge (anheben) zu verändern. Das ist aber Blödsinn, weil man dadurch ein Wasser schafft, das in der Natur nicht vorkommt. Spätestens hier merkt man, dass es nicht nur um die gemessenen Werte geht, sondern darum ein "Fischgerechtes" Wasser herzustellen. Weil der pH-Wert des Wassers haupsächlich durch das vorhandensein von CO2 und HCO3- (und die dadurch ablaufenden Reaktionen) beeinflusst wird, sollte man auch zuerst mit diesen Werten anfangen. Wenn man den pH-Wert senken will sollte man also CO2 dazugeben (CO2 Düngeanlage) und/oder Konzentration von HCO3- senken (verdünnen mit Osmosewasser...) soll der pH-Wert steigen, dann erhöht man die HCO3- Konzentration wie oben beschrieben und/oder senkt den CO2-Gehalt (belüften des Aquariums treibt CO2 aus).
Manchmal ist es auch sinnvoll mithilfe von Torf den pH-Wert zu senken. Davon hab ich aber wenig Ahnung. Das ganze wirkt jedoch nur, wenn das Wasser eine eher niedrige KH hat. Also eventuell verdünnen mit Osmosewasser + Torffilterung. Vielleicht möchte irgendjemand, der Ahnung von Torffilterung hat hier etwas dazu schreiben. Ansonnsten hilft einfach suchen, das Thema Torf wurde auch schon öfter mal im Forum besprochen.

gummibaer
30.07.2005, 01:34
So....
Das solls erstmal gewesen sein.
Wie gesagt:
Fragen und Ergänzungen einfach posten.
Ach ja... Quellenangaben:
Das meiste weiss ich noch aus dem Chemie Untericht 11, 12 Klasse, wenn ich unsicher war hab ich im Duden Abiturhilfen "Grundlagen der allgemeinen Chemie" nachgeschaut, jedoch nicht zitiert. Außerdem hab ich einiges von dem Wissen aus dem "Handbuch Aquarienwasser" von Krause, ich hab daraus jedoch auch nicht zitiert.

David